Ergebnisse Teil 3

Für die Auswertung der offenen Fragen wurde ein qualitatives Verfahren gewählt. Die von den Teilnehmenden eingegebenen Texte wurden zunächst nach Herausforderungen und Lösungsvorschlägen unterschieden. Anschließend wurde genauer untersucht, um welche Herausforderungen und Lösungsvorschläge es sich dabei handelt.

Die Herausforderungen wurden in fünf Unterkategorien eingeteilt: in strukturelle, rechtliche und das Wild betreffende Herausforderungen sowie in Herausforderungen, die den Austausch und Wissenstransfer betreffen. Auch Angaben zu Konflikten mit verschiedenen Akteuren (wie Jagdausübenden, Behörden und Erholungssuchenden) wurden hier zugeordnet.

Die Einteilung der Kategorien für die Lösungsvorschläge wurde an die Kategorien der Herausforderungen angepasst. Die Unterkategorien waren hier „rechtliche Änderungen“, Kommunikation und individuelle Absprachen mit Akteuren und „Informationen und Wissenstransfer“. Die nachstehende Tabelle zeigt die Kategorien und die Anzahl der zugeordneten Textpassagen (siehe Tabelle 1).

Tabelle1: Kategorien der offenen Antworten und Anzahl der zugeordneten Textpassagen

Strukturelle Herausforderungen

Die schon in der Projektbeschreibung angeklungenen Herausforderungen hinsichtlich des Agrarstrukturwandels und der sich wandelnden Mitgliederstruktur werden auch von den Jagdvorständen erwähnt: „Die meisten Jagdgenossen sind weder aktive Land- oder Forstwirte sondern einfach nur Eigentümer, die meist keinen Bezug zur Landbewirtschaftung haben und denen die Belange der Jagdgenossenschaft oder der tatsächlichen Landnutzer oder Jäger unbekannt/egal sind“, so einer der Teilnehmenden. Auch auf die Überforderung des Ehrenamtes durch eine zunehmende Bürokratisierung wurde mehrfach hingewiesen. Hinzu komme, dass es immer schwieriger sei „örtliche Jagdpächter zu finden“ oder Reviere, die überwiegend aus Feldanteilen bestehen, aufgrund der steigenden Schwarzwildbestände zu verpachten. An einer Stelle wird anschaulich auf die „Mehrfachnutzung ein und derselben Fläche“ durch Land- und Forstwirtschaft, Naturschutz, Jagd und Erholung hingewiesen, die verstärkt zu Konflikten führen würde.

Das Wild betreffende Herausforderungen

Es sind in erster Linie die Schwarzwildbestände, die den Jagdvorstehern Sorgen bereiten. Alle das Wild betreffenden Textpassagen beziehen sich auf Schwarzwildbestände, die „auch revierübergreifend [für] viel Ärger und Frust“ sorgen. Mit den steigenden Schwarzwildbeständen gehen nicht nur steigende Schäden, vor allem auf den landwirtschaftlichen Flächen einher, sondern auch eine zunehmende Gefahr einer Ausbereitung der Afrikanischen Schweinepest. Im Zusammenhang mit den steigenden Schwarzwildpopulationen werden auch rechtliche Änderungen im Hinblick auf die gemeinschaftliche Wildschadensregulierung gefordert.

Rechtliche Herausforderungen

Besonders häufig werden von den Jagdvorständen rechtliche Herausforderungen erwähnt. Die zunehmende Bürokratisierung steht hierbei an erster Stelle. So sei zum Beispiel „der Aufwand zur Durchführung einer Jagdgenossenschaftsversammlung sehr hoch“. Denn die Ermittlung der Mitglieder sei schwierig, da diese den Jagdvorständen teilweise unbekannt seien. Besonders häufig werden in diesem Zusammenhang die Datenschutzbestimmungen, wie auch die Kosten für das Jagdkataster erwähnt, es sei „nicht zumutbar“, so ein Kommentar, “dass wir anlässlich jeder Versammlung 600 Euro für ein aktuelles Jagdkataster ausgeben“.

Nicht nur die Einberufung einer Versammlung, sondern auch das Abstimmungsverfahren berge Schwierigkeiten – insbesondere, wenn Uneinigkeit herrsche. Zum Beispiel sei durch die „gesetzliche Regelung der doppelten Mehrheitsfassung (Anzahl vertretene Mitglieder und Anzahl vertretene Fläche) eine Mehrheitsfindung sehr schwierig und in bestimmten Fällen tatsächlich unmöglich“. Erschwerend käme bei den Abstimmungen hinzu, dass es einen „hohen Anteil von Flurstücken mit mehreren Eigentümern (z. B. Erbengemeinschaft)“ gäbe, so der Vorstand einer Jagdgenossenschaft. Dies erschwere die Ermittlung des Abstimmungsergebnisses enorm, „besonders bei strittigen Fragen“. Das für diesen Fall vorgeschriebene Verfahren sei „extrem zeitaufwendig und anfällig für Fehler“.

Konflikte

Bei den offenen Antworten, die sich auf Konflikte bezogen, fiel auf, dass der Kategorie „Konflikte mit Jagenden“ nur zwei Textpassagen zugeordnet werden konnten. In diesen wird beschrieben, dass vor allem die Konflikte der Jagenden untereinander als bedenklich eingeschätzt werden, beziehungsweise, dass oft das gegenseitige Verständnis zwischen Jagenden und Bewirtschaftende fehlt. Seitens der Jagdvorstände werden keine Konflikte zwischen den Jagdgenossenschaften und den Jagdausübenden erwähnt. Im Gegenteil, das gute Einvernehmen zwischen Jagdgenossenschaften und Jagdausübungsberechtigten wird an mehreren Stellen betont (siehe Absprachen mit den Akteuren). Dafür scheint es umso häufiger Ärger über den zunehmenden Erholungsdruck bei den Jagdvorständen zu geben: „Die Jagd wird durch das Freizeitverhalten stark beeinträchtigt“. So würden die Erlöse der Jagdpacht für öffentliche Belange wie „den Wegebau oder [den] Rückschnitt von Waldrändern“ ausgegeben, die dann von „Mountainbikern, Reitern, Joggern und sonstigen Freizeitsportlern genutzt [würden] als ob sie die Haupteigentümer wären“. Auch wird bemängelt, dass eine Nutzung der Flächen für „sportliche Veranstaltungen, die über den normalen Freizeitsport hinausgehen“, wie Marathonläufe, Bike-Marathons oder auch die Anlage von Mountainbike-Trails nicht mit den Grundstückseigentümern abgesprochen werden. Zudem gäbe es hier keine Rechtssicherheit bei den Haftungsbedingungen. „Zwingend notwendig wäre eine gemeinsame Aktion ‚Rettet nicht nur die Bienen, sondern Wald und Wiesen vor den Radfahrern, E-Bikern und Mountainbikern‘“, so das Statement eines Teilnehmenden.

Die meisten Konflikte, die in den offenen Antworten zum Ausdruck kommen, beziehen sich auf Auseinandersetzungen mit den Behörden. Dieser Kategorie konnten neun Textpassagen zugeordnet werden (siehe Tabelle 1). Beispielsweise wird das Verhalten der „Unteren und Obersten Jagdbehörde in Bezug auf die Einhaltung bzw. [den] Fortbestand von Jagdtauschverträgen“ mehrfach als „restriktiv“ beurteilt. Dies erschwere sowohl die Ausübung der Jagd als auch das Erzielen „adäquate[r] Jagdpachtpreise“. Insbesondere die hohe Dynamik in den Schwarzwildbeständen mache eine Änderung der Flächenstruktur notwendig „um eine bessere Bejagung der Wildschweine zu erreichen“. Auch würden seitens der Behörden Vorkaufsrechte „rigoros“ umgesetzt, was das Verhältnis zu den Forstbehörden aus Sicht der Jagdvorstände „stark“ belaste. Es wird der Wunsch deutlich, dass sich die „Forstbehörde […] besser mit der Jagdgenossenschaft zusammenschließen [sollte]“ und die Jagdgenossenschaften bei Änderungen der Nutzung wie zum Beispiel bei der Anlage von Ruhewäldern, stärker mit einbezogen werden sollte. Ähnliche Äußerungen lassen sich auch in Bezug auf die Anlage von Mountainbike-Trails oder der Ausweisung von Parkplätzen finden.

Auch Konflikte zwischen den Mitgliedern von Jagdgenossenschaften zeichnen sich ab und spiegeln sich in der Forderung nach rechtlichen Veränderungen beim Wildschadensausgleich wider. An mehreren Stellen wird deutlich, dass es unterschiedliche Sichtweisen hinsichtlich der Verteilung der Kosten und der Regelungen beim Wildschadensausgleich gibt, je nachdem ob die betreffenden Personen forstliche oder landwirtschaftliche Flächen bewirtschaften.

Informations- und Wissenstransfer

An mehreren Stellen wird deutlich, dass sich die Jagdvorstände nicht ausreichend informiert fühlen, sowohl seitens der Jagdgenossenschaftsverbände als auch seitens der Behörden. Bei den Lösungsvorschlägen wird der Wunsch nach Unterstützung und fachlichen Informationen am häufigsten genannt. Dieser Kategorie konnten 29 Textpassagen zugwiesen werden. Außerdem wird der Wunsch nach einer vereinfachten Erstellung des Jagdkatasters sehr deutlich sowie eine Reduzierung oder Abschaffung der damit verbundenen Kosten. Neben dem Vorschlag „Schulungen für Jagdvorstände“ einzuführen wird auch seitens der Behörden eine stärkere Unterstützung und ein breites Beratungsangebot gefordert.

Rechtliche Änderungen

Auch der Kategorie „rechtliche Änderungen“ konnten verhältnismäßig viele Textpassagen zugeordnet werden. Diese betreffen in erster Linie eine Entbürokratisierung. Mehrfach wird in diesem Zusammenhang die Pflicht zur Versammlung bei der Pachtneuvergabe erwähnt – „dies sollte nicht alle sechs Jahre nötig sein“. Die Änderungen im Jagd- und Wildtiermanagementgesetz hätten keinen Fortschritt gebracht, sie seien „zu bürokratisch, zu aufwendig“.

Austausch mit Akteuren

In einer Jagdgenossenschaft wird die jährlich stattfindende Mitgliederversammlung genutzt, um in Anwesenheit der Jagdpachtenden Probleme so lange zu behandeln, „bis man sich einig ist“. Es wird deutlich, dass sich in vielen Jagdgenossenschaften individuelle Absprachen und Verfahrensweisen etabliert haben. So sind in einer Jagdgenossenschaft zum Beispiel über den Jagdpachtvertrag hinaus zusätzliche Regelungen getroffen worden. „[D]ie Jagdausübenden werden zur Teilnahme und/oder Durchführung von revierübergreifenden Drückjagden verpflichtet“ und im Gegenzug übernimmt „die Jagdgenossenschaft […] hierfür die Kosten für Drückjageinrichtungen. Bei gutem Jagderfolg wird ein Teil der Jagdpacht zurückerstattet“. Für viele Jagdvorstände ist die Kommunikation mit den Jagdausübenden sehr wichtig, wie auch die Unterstützung der Jagdausübenden, damit diese „ihre Abschüsse […] erbringen [können]“. In vielen Jagdgenossenschaften sind die Jagdausübenden augenscheinlich „sehr bemüht, den Wildschaden im Wald und auf den landwirtschaftlichen Flächen so gering wie möglich zu halten, was auch von der Genossenschaft anerkannt“ werde. Wie die Aussagen zeigen, wird das Verhältnis zwischen Jagdgenossenschaft und Jagdausübenden insgesamt als sehr positiv beschrieben. „Es herrscht [ein] gutes Einvernehmen“ und man „unterstützt sich bei anstehenden Fragen oder Problemen gegenseitig“. Wenn dennoch Wildschäden auftreten würden, werde auf „eine kompromissbereite Einigung Wert gelegt.“

Es wird deutlich, dass neben den Jagdausübenden auch andere Jagdvorstände als „kompetente Ansprechpartner“ gesehen werden. Eine bessere Vernetzung untereinander wird deswegen mehrfach vorgeschlagen wie auch der bessere Austausch mit den Behörden.

Zusammenfassend ist bei der Auswertung der offenen Fragen deutlich geworden, dass neben strukturellen Herausforderungen die steigende Dynamik in den Schwarzwildbeständen einen erhöhten Managementaufwand erfordert. Ein weiterer Punkt, der häufig Erwähnung findet ist der Verwaltungsaufwand, der für die Führung einer Jagdgenossenschaft erbracht werden muss. Hier würden sich viele Jagdvorstände eine Vereinfachung und mehr Informationen wünschen.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, wird der Austausch mit den Jagdausübenden als besonders wichtig angesehen. In einigen Jagdgenossenschaften haben sich diesbezüglich individuelle Absprachen und Regelungen etabliert. Um einen vertiefenden Einblick in diese Kommunikationsstrukturen zu erhalten werden in den folgenden Monaten anstatt der ursprünglich geplanten Gruppendiskussionen Einzelgespräche mit Jagdvorständen von selbst- und kommunalverwalteten Jagdgenossenschaften geführt.

Falls Sie Interesse haben sich hieran zu beteiligen, nehmen Sie gerne Kontakt zu uns auf. Wenn Sie mehr über den im Zuge der Corona-Maßnahmen geänderten Projektverlauf wissen möchten, klicken Sie hier.